Newsletter Februar 2012

Sprengstoff in Steve-Jobs-Biografie amüsiert Übersetzungsprofis

Sprengstoff in Steve-Jobs-Biografie amüsiert Übersetzungsprofis , Fix International Services, Dolmetschen, ÜbersetzenMacintosh, iMac, iPod, iTunes, iPhone, iPad – Steve Jobs gab der digitalen Welt mit der Kultmarke Apple Ästhetik und Aura. Die Begeisterung der Menschen über die Lebensleistung des Meisters katapultierte dann auch 2011, kurz nach seinem Tod, die Biografie des Apple-Gründers Steve Jobs an die Spitze der Bestsellerlisten.
Rubrik: Dolmetschen & Übersetzen

Der Autor Walter Isaacson schildert in der Biografie die unvergleichlichen Erfolge, aber auch zahlreiche Pleiten von Steve Jobs minutiös und spannungsreich. Als „Biografie des Jahres“ wurde das Werk gefeiert. Walter Isaacson besaß das Vertrauen des Apple-Chefs und konnte als erster Biograf auf seine uneingeschränkte Unterstützung bauen wie auch auf die seiner Familie, seiner Weggefährten und der Kontrahenten.

Doch schnell meldeten sich Sprachprofis zu Wort, die in den 41 Kapiteln der deutschen Übersetzung des amerikanischen Originals zahlreiche Schlampereien entdeckten. Auf viel Seltsames in der Biografie wies der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) hin. „Für Steve Jobs beginnt der Aufstieg zum strahlenden Olymp der Erfinder mit dem Bericht über zwei Elternpaare und die Kindheit in einem Tal, das gerade lernte, wie man Silikon in Gold verwandelt". Der Aufstieg beginnt mit einem Report über Elternpaare? Und was ist das für ein Tal, wo sich Silikon in Gold verwandelt? Gibt es dort üppige Blondinen, die sich durch Schönheitschirurgen operativ in Szene setzen lassen? Keineswegs! Denn die Biografie spielt nicht im San Fernando Valley im Nordwesten von Los Angeles. Dort sitzt die Pornofilmindustrie, wegen der künstlichen Brustvergrößerungen wird die Gegend auch „Silicone Valley" genannt. Des Fehlerteufels Werk: Das kleine „e" macht den Unterschied und trennt High Tech von Schmuddelecke.

Was war passiert bei der „Veröffentlichung des Jahres"? Übersetzungsprofi Alexander Heyne erläutert: „Das englische silicon (Silizium) und der deutsche Begriff Silikon sind sogenannte 'falsche Freunde', auf die man schon im Übersetzerstudium hingewiesen wird. Kein halbwegs versierter technischer Übersetzer würde darüber stolpern. Ich vermute, dass bei der Übertragung ins Deutsche großer Zeitdruck herrschte. Die ungewöhnlich hohe Zahl von sechs Übersetzern ist ein Indiz dafür." Dumm gelaufen!

Der Bertelsmann-Verlag hatte die Arbeit an der Übersetzung der Biografie nach dem überraschenden Tod von Steve Jobs zügig vorantreiben wollen: Die Übersetzerarbeit, so wurde in Medienberichten vermutet, war auf ein Team von mehreren Übersetzern verteilt worden. So berichtet Steve Jobs über seine Schulzeit: „Einmal brachten wir unter dem Stuhl unserer Lehrerin Mrs. Thurman Sprengstoff an. Das hat sie wirklich fertiggemacht." Im Original notierte Autor Walter Isaacson: „One time we set off an explosive under the chair of our teacher, Mrs. Thurman. We gave her a nervous twitch." Der Technik-Guru Jobs befestigte Sprengstoff am Stuhl der Pädagogin? Und anschließend zündete („set off") der die Ladung? Da hätte er den Rest seines Lebens im Zuchthaus verbringen müssen! Alexander Heyne liefert des Rätsels Lösung: „Bei dem 'Sprengstoff' wird es sich um einen läppischen Knallkörper gehandelt haben. Das Auftauchen von Jobs und seinem Mitschüler ließen die Lehrerin jedes Mal zusammenzucken. Eine andere Dimension als der im Buch verwendete Begriff 'fertigmachen'".

Zwar hatte Jobs Ehefrau Laurene den Autor der Biografie ermutigt, die Stärken und Schwächen ihres Mannes redlich zu beschreiben. Denn Steve Jobs und Walter Isaacson waren sich schon seit 1984 oft begegnet. Und Isaacson ist erfahrener Biograf, hat er doch schon die Lebensgeschichten von Benjamin Franklin oder Albert Einstein niedergeschrieben. Die Bedingungen für „die Biografie des Jahres" waren also ideal. Doch das Ergebnis der Übersetzung geriet zwiespältig, zumindest im Urteil von Übersetzungsprofis: Wer die deutsche Fassung liest, quält sich demnach durch endlose Bandwurmsätze und einen abgehackt wirkenden Stil. Die Ursache: Häufiges wörtliches Übersetzen, die Gedanken fließen nicht, stilistische Eleganz: Fehlanzeige.

Die Steve Jobs-Biografie, so das Fazit von Übersetzer Alexander Heyne, zeigt deutlich, dass zwischen dem Leser und dem Autor noch eine weitere, wichtige Instanz bedeutsam ist: Der Übersetzer: „Übersetzen ist weit mehr als der Wortaustausch von einer Sprache in die andere. Ein professioneller Übersetzer kennt sich im Thema aus und steigt entsprechend tief in den Inhalt des Werks ein. Weil Übersetzungen immer persönlich geprägt sind, muss ein einheitlicher Stil bei Teamarbeiten durch ein nachfolgendes Lektorat und Korrektorat gesichert werden. Das Aufteilen von Übersetzungsarbeiten bleibt aber immer zweite Wahl."

Immerhin: Der amüsante Silikon-Schnitzer wurde in der zweiten Auflage behoben, nur die 250 000 Besitzern des deutschen Erstdrucks haben nun diesen eklatanten Fehler mit Klassiker-Potential in ihrem Bücherregal stehen.Download Sprengstoff in Steve-Jobs-Biografie amuesiert Uebersetzungsprofis

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