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Boom statt Bomben - „Ich mag den rauen, zurückhaltenden Charme der Nordiren!“

fix-nl-23-sabine-kalke.jpgNach dem Ende des blutigen Bürgerkriegs sah sich Nordirlands Hauptstadt Belfast auf einem guten Weg: 1998 bedeutete das „Good Friday Agreement“ (Karfreitagsabkommen) zwischen den politischen Parteien Nordirlands, Großbritannien und der Republik Irland durch eine gewählte, nordirische Volksversammlung den Beginn der Selbstverwaltung Nordirlands. „Boom statt Bomben!“ hieß das Motto, es gelang, zahlreiche internationale Unternehmen anzusiedeln. Der Nordirlandkonflikt, der zwischen 1969 und 1998 die Politik und den Alltag in Nordirland bestimmt hatte, schien auf mittlere Sicht gelöst. Doch plötzlich kommt es in Belfast wieder zu Krawallen, Bilder von Benzinbomben und brennenden Autos gehen um die Welt. Die deutsche Stadtplanerin Sabine Kalke lebt seit vielen Jahren in Belfast und kennt den Konflikt aus der eignen Arbeit.
Rubrik: Interview mit Sabine Kalke, deutsche Projektleiterin in Irland

Sabine Kalke wurde in Siegen geboren und studierte in Dortmund Stadt- und Regionalplanung. Nachdem sie viele Jahre in deutschen Stadtverwaltungen und Berliner Architektur- und Stadtplanungsbüros gearbeitet hatte, zog sie nach Nordirland. Dort arbeitete sie in einer kommunalen Behörde und erhielt 2008 das Angebot, an einem Programm mitzuarbeiten, das sich die Befriedung eines ehemaligen Bürgerkriegsstadtteils zum Ziel gesetzt hatte.



In Belfast ist es erneut zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Können die Ausschreitungen den Friedensprozess in Nordirland ernsthaft gefährden?  

Sabine Kalke: Das hoffe ich nicht. Die große Mehrheit der Bevölkerung hat kein Interesse an diesem Konflikt und der Friedensprozess ist unumkehrbar.

Worum geht es bei diesem Streit?

Sabine Kalke: Die Proteste der protestantischen Loyalisten sind gegen eine Entscheidung des Stadtrats von Belfast gerichtet. Jetzt soll nicht mehr, wie bisher, jeden Tag die britische Flagge  auf dem Rathaus gehisst werden, sondern nur noch zu besonderen Anlässen.  

Als deutsche Stadtplanerin leiteten Sie in Belfast ein Projekt, an das viele Hoffnungen geknüpft waren. Im protestantischen Stadtteil Shankill wurden waffenstarrende Murals, die martialischen Wandgemälde aus dem Bürgerkrieg, durch friedvollere Bilder ersetzt. Wie sind Sie an den Job gekommen?

Sabine Kalke: Ich habe vier Jahre in Belfast in EU-Projekten gearbeitet, u.a. beim BERI-Projekt, das europaweit die Revitalisierung von Industriebrachen vorantreibt. Studiert habe ich an der FH Dortmund Architektur, Fachrichtung Stadt- und Regionalplanung und zunächst bei Stadtverwaltungen im Ruhrgebiet gearbeitet. Nach einem Aufbaustudium in Rouen/Frankreich (European Architecture and Planning) war ich in Berlin zehn Jahre in einem Planungs- und Architekturbüro tätig. Weil ich etwas Neues machen wollte, bin ich nach Irland gegangen. 2008 erhielt ich von der Stadt Belfast das Angebot, beim „Re-Imaging Communities“ - Programm mitzuarbeiten.

Was ist das Ziel des Programms und worin bestand für Sie die Herausforderung?

Sabine Kalke: „Re-Imaging Communities“ wollte, zusammen mit den Bewohnern, identitätsstiftende Kunstwerke in benachteiligten Gebieten erarbeiten und ein positives Gemeinschaftsgefühl stärken. Die Umgestaltung der paramilitärischen Murals war der umstrittenste Part. Einige Bewohner wollen die Vergangenheit verarbeiten, indem die Symbole der Troubles ersetzt werden. Andere glauben, dass man der blutigen Vergangenheit weiter „ins Auge schauen“ muss. Außerdem besuchen tausende Touristen die Wandgemälde. Die Herausforderung ist, diese so umzugestalten, dass sie für die Bewohner ein positives Zeichen setzen und zugleich Touristenattraktionen bleiben, in problembelasteten Stadtvierteln ein erster Schritt einer umfassenden Wohnumfeldverbesserung.

Wie haben Sie das Vertrauen der sicher nicht unkomplizierten Community gewonnen?

Sabine Kalke: Ich mag den rauen, zurückhaltenden Charme der Nordiren. Als Außenstehende war ich sogar im Vorteil, ich stand nicht im Verdacht der Parteilichkeit. Ich kann inzwischen sehr offen mit den Leuten reden, viele haben sogar das Bedürfnis, über die Vergangenheit, ihre Ängste und Hoffnungen zu sprechen

Mittlerweile arbeiten Sie an einem neuen Projekt. Jetzt geht um ein Fahrräder, die man überall in Belfast  entleihen kann. Ist das Fahrrad ein traditionelles Fortbewegungsmittel in Belfast?
 
Sabine Kalke: Nein, überhaupt nicht! Es bedeutet tatsächlich eine Innovation – und wenn das Fahrradmietsystem funktioniert, wird es Belfast deutlich attraktiver machen, für die Bewohner, aber auch für die Touristen.
Deutsche Manager und Managerinnen stehen im Ausland oft im Ruf, direkt und offen zu kommunizieren. Wie wird das Belfast empfunden?
Sabine Kalke: Für Nordiren ist der direkte Kommunikationsstil manchmal gewöhnungsbedürftig, auch in Belfast wird nicht so offen Kritik geäußert, wie dies in vielen deutschen Büros üblich ist. Aber ich habe, auch bei meinen Projekten mit Partnern aus vielen EU-Ländern, die Erfahrung gemacht, dass es nicht immer sinnvoll ist, andere Arbeitsstile kopieren zu wollen. Sicherlich unterscheide ich mich in mancher Hinsicht von meinen Kolleginnen und Kollegen hier, ich sage deutlich meine Meinung. Wenn dabei der Umgang respektvoll bleibt, führt das nicht zu Problemen.






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