Newsletter Januar 2012

„Kultursensibles Verhalten muss Ausbildungsbestandteil werden!“

Kultursensible Pflege, Newsletter Fix International ServicesIn Deutschland leben rund 15 Millionen Zugewanderte und deren hier geborene Nachkommen, jetzt tritt die erste Migrantengeneration in das Rentenalter ein. Am Bereich Pflege lässt sich ablesen, welche Veränderungen in den nächsten Jahren auf die Gesundheitsbranche zukommen. Interkulturelle Kompetenz ist die Schlüsselqualifikation, um das Verhältnis zwischen Pflegepersonal und Patienten angenehm zu gestalten. Das deutsche Gesundheitssystem ist jedoch nicht genügend auf das Klientel der Migranten und Migrantinnen vorbereitet. Der kultursensible Umgang mit Pflegeaufgaben, Pflegehandlungen und Pflegetechniken ist ein Erfordernis der Stunde, Schulungen und Trainings schaffen die Voraussetzungen.
In Berlin gibt es – europaweit beachtet - das „Türk Bakim Evi“, ein Altersheim für türkische Mitbürger. Dort existiert ein moslemischer Gebetsraum, die Bewohnerinnen und Bewohner sehen türkisches TV oder lesen türkische Zeitungen. Geschultes Personal kommt dort den Wünschen der Bewohner nach: Frauen werden nur von Frauen gepflegt, Männer von Männern. Doch Kritiker bemängeln, dass durch solche Projekte die Entwicklung von Parallelgesellschaften gefördert werde. Die Konsequenz: In Pflegeeinrichtungen oder Pflegediensten mit Klienten anderer Ethnien muss das Personal interkulturelle Kompetenz besitzen. Gilt es doch, die Lebenswelt zugewanderter Patienten zu begreifen, weil sonst Missverständnisse vorprogrammiert sind. Praktiker mit Krankenhauserfahrung wissen: Wenn eine Pflegerin in eine türkische Familie kommt, um den Mann zu pflegen, lassen die Frauen der Familie nicht zu, dass die Pflegerin allein mit dem Mann im Zimmer bleibt. Prompt fühlt sich die Pflegerin von der Ehefrau bei der Ausübung ihres Dienstes kontrolliert – und reagiert entsprechend ablehnend.

Häufig steht am Anfang beiderseitige Unsicherheit. Die zu Pflegenden kennen die oft komplizierten Strukturen der deutschen „Pflegelandschaft“ kaum, auch Kenntnisse von den Abläufen und Leistungen sind selten vorhanden. Missverständnisse, ob in stationären Einrichtungen oder der ambulanten Altenpflege, resultieren aus der unmittelbaren Interaktionssituation, vielfach fühlen sich Ratsuchende und Pflegebedürftige diskriminiert, ohne dass die Pflegekräfte dies wahrnehmen. Auslöser sind unterschiedliche Erklärungsmodelle in Bezug auf Krankheit, Kranksein oder Pflege. „Die Erwartungen an Beratung, Pflege und Therapie sind oft verschieden. Sprachlich bedingte Kommunikationshürden, besonders beim ersten Kontakt, tun ihr übriges“, weiß Bettina Kertscher, Geschäftsführerin von Fix International Services in Hamburg.

Viele Migranten sind misstrauisch gegenüber Neuem. Sie fürchten, Nachteile erleiden zu müssen, wenn sie Beratungsangebote oder Hilfe in Anspruch nehmen. Es verlangt, berichten Experten, oft viel Überzeugungskraft, um pflegebedürftige Menschen aus ihren Familien herauszuholen oder ihre Angehörigen zu überzeugen, die Pflege professionellen Kräften  zu übergeben.

Die Auseinandersetzung mit dem „Fremden“ führt über das „Eigene“

„Wichtig ist, dass der kultursensible Umgang mit zugewanderten Menschen Bestandteil der Aus- und Weiterbildung in allen Lehr- und Heilberufen wird!“ erklärte Staatsministerin Maria Böhmer bereits 2009 auf dem Kongress „Demografischer Wandel: Integration und Gesundheit“. Wie bei allen interkulturellen Themen ist das Wissen um die Bedeutung religiöser und alltagskultureller Aspekte und das Bewusstsein um eigene kulturell geprägte Blickwinkel und Einstellungen entscheidend. Denn die konstruktive Auseinandersetzung mit dem „Fremden“ führt immer über das „Eigene“. Kompetent Pflegende müssen in der Lage sein, die Prägungen ihrer eigenen Lebenswelt, also alles, was sie für selbstverständlich halten, zu erkennen. Das ermöglicht, eigene Maßstäbe zu erkennen, die dem Verhalten und den alltäglichen Beurteilungen zugrunde liegen. Dies gilt gerade für die sensible Wahrnehmung von unterschiedlichen Lebensstilen, Biographien, Krankheitsverständnissen, religiösen und kulturellen Integritätsvorstellungen der zu Betreuenden. Wichtig ist, zwischen Nationalität, Kultur und Religion zu unterscheiden. Nicht jeder, der in der Türkei geboren wurde, ist ein Moslem. Und nicht automatisch lebt jeder Moslem auch nach den Regeln des Koran. Häufig verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Religion und Kultur. Viele Unterschiede, die zunächst als religiös bedingt angesehen werden, sind eigentlich Traditionen oder kulturelle Gewohnheiten.

Kulturelle Spezifikationen sind traditionelle Familienvorstellungen, nach denen
Pflege in die Familie gehört. Religiöse Prägungen können eine Rolle spielen, wenn  Erkrankungen als gottgewolltes Schicksal erscheinen, dem sich Erkrankte fügen müssen. Hinzu kommt häufig die traditionelle Frauenrolle, die religiös geprägt ist. Auch die Möglichkeit, Wünsche und Forderungen an die Pflege zu stellen, gilt vielfach noch als unbekanntes oder unschickliches Verhalten. Oder Patienten begegnen dem Pflegepersonal mit Scham, wenn sie externe Dienste in Anspruch nehmen, weil sie glauben, sich damit eine Blöße zu geben. Und auch die Unkenntnis über das Krankheitsbild und den Krankheitsverlauf aufgrund anderer Vorstellungen von Kranksein und Gesundsein können zu Missverständnissen führen.
„Natürlich ist es zu viel verlangt, von den Pflegekräften profundes Wissen aus sämtlichen Bereichen der Geografie, der Ethnologie oder der Sprachen zu erwarten. Doch entsprechendes Hintergrundwissen, in speziellen Schulungen und Trainings erworben, befähigt sie, die richtigen Fragen zu stellen“, erklärt Karin Brass, Leiterin des Bereichs Interkulturelles Training bei Fix International in Hamburg. „Auch die Antworten situationsbezogen zu interpretieren, lernen Teilnehmer, um „richtig“ auf den Anderen zu reagieren.“


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