Newsletter Januar 2012

Durch Unkenntnis entstehen Missverständnisse!

Maryam Gardisi, Kultursensible Pflege, Interview Fix International ServicesAngesichts des wachsenden Anteils von älteren Migrantinnen und Migranten stehen viele Pflegeeinrichtungen vor großen Herausforderungen. Viele Mitarbeiter hatten in ihrem Arbeitsalltag bislang kaum Berührungspunkte mit fremden Kulturen und ihnen fehlt das notwendige Hintergrundwissen für eine kultursensible Pflege. Denn viele ehemalige „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“, die zwischen 1955 - 1973 von Deutschland angeworben wurden, befinden sich heute im Rentenalter. Dabei werden sie nicht - wie ursprünglich gedacht - in ihre Ursprungsländer zurückkehren. Auch bei ihnen zerfällt langsam das Gemeinschaftsmodell der traditionellen Großfamilie. So sind zugewanderte Seniorinnen und Senioren zunehmend auf Pflegedienstleistungen angewiesen. Aus Unkenntnis auf beiden Seiten entstehen schnell Missverständnisse. Diese behindern den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zwischen Patientin/Patient und Pflegekraft. „Kultursensible Pflege“ soll diese Unsicherheiten beseitigen.
Rubrik: Interview mit Maryam Gardisi

Maryam Gardisi ist Diplom-Kulturwirtin und interkulturelle Beraterin. Sie ist Mitarbeiterin eines 2009 durch die Gemeindediakonie in Lübeck gestarteten Programms mit kultursensiblem Schwerpunkt, durch das Pflegekräfte sensibilisiert und Migrantinnen und Migranten in das deutsche Pflegesystem integriert werden sollen. Das Projekt wird im Rahmen des EU-Integrationsprogramms „XENOS“ (gr.= der Fremde, der Gast) gefördert.




Frau Gardisi, seit 2009 besteht das Projekt  „Kultursensible Pflege in Lübeck und Umgebung" der Gemeindediakonie Lübeck, das im Rahmen des europäischen XENOS Integrationsprogramms gefördert wird. Was ist das Ziel des Programms?

Maryam Gardisi: Das Angebot richtet sich an Pflegebedürftige nicht-deutscher Herkunft sowie an junge Migrantinnen und Migranten, die in der Pflege arbeiten möchten. In Lübeck leben nach statistischen Angaben etwa 40.600 Zuwanderer (19%), davon ca. ein Drittel aus der Türkei, 18% aus Polen, 6% aus Russland und ca. 60% aus weiteren Ländern. Mit unserem Projekt „Kultursensible Pflege“ möchten wir MigrantInnen umfassend in das deutsche Pflegesystem integrieren. Zuwanderer werden über ihre Rechte im Bereich der ambulanten Kranken- und Altenpflege und über Leistungen ihrer Kranken- und Pflegeversicherung aufgeklärt. Zugewanderte Seniorinnen und Senioren wird eine professionelle Pflege zugesichert, die ihren individuellen Werten, kulturellen und religiösen Prägungen und Bedürfnissen entspricht. Deswegen ist es von zentraler Bedeutung, Pflegepersonal für die interkulturelle Pflegearbeit zu sensibilisieren und zu schulen und MigrantInnen beim Einstieg in den Pflegeberuf zu unterstützen. Der Pflegeberuf hat Zukunft und gerade in der interkulturellen Pflege haben MigrantInnen Vorteile, weil sie die Sitten, die Kultur, die Religion und die Sprache der Pflegebedürftigen aus dem eigenen Kulturkreis am besten verstehen.

Warum ist das Programm so wichtig?

Maryam Gardisi: Nur wenige Zuwanderer in Deutschland lassen sich bisher ambulant pflegen. Die Pflege wird aus Gründen traditionell empfundener Verpflichtung überwiegend zu Hause durch Angehörige übernommen. Die Lebensumstände erschweren jedoch diesen Wunsch immer häufiger. Oft sind Familienmitglieder mit der Pflege ihrer Angehörigen auch überfordert oder können sie wegen beruflicher Verpflichtungen oder örtlicher Distanz nicht auffangen. Daneben gibt es auch alleinstehende pflegebedürftige MigrantInnen. Gleichzeitig aber bestehen viele Vorurteile und Misstrauen gegenüber den deutschen Altenpflegeeinrichtungen. Durch den wachsenden Hilfebedarf ist es jedoch sehr wichtig, dass Pflegedienste sich auf diese Zielgruppe einstellen und den Bedürfnissen dieses Kundenkreises gerecht werden. Zudem wissen Migranten allgemein sehr wenig über das deutsche Pflegesystem und sind unter anderem auch deshalb in den Institutionen der Altenhilfe stark unterrepräsentiert.

Welche Rolle spielt die Sprache der zu betreuenden Menschen?

Maryam Gardisi: Ein wichtiger Baustein des Projekts ist die Überwindung der Sprachbarrieren durch die Einbeziehung von Dolmetschern, die speziell geschult werden. Wir bauen ein Dolmetschernetzwerk auf, um bei Bedarf kompetente Sprachmittler bei der Pflegeberatung und -behandlung einsetzen zu können. Ziel ist der Aufbau einer umfassenden Dolmetscher-Datenbank. Deshalb akquirieren wir professionelle und semiprofessionelle Dolmetscher aller Sprachen. Wir bieten diesen Sprachmittlern interkulturelle Trainings zusammen mit Pflegekräften und spezielle Schulungen an, um deren Kompetenz besonders für das medizinisch-soziale Dolmetschen auszuprägen.

Was macht die Besonderheit von Schulungen für Krankenschwestern und Altenpfleger aus?

Maryam Gardisi: Regelmäßig veranstalten wir Schulungen zur „Kultursensiblen Pflege“. Hier lernen Pflegekräfte oder andere Interessierte die kulturellen und religiösen Werte der MigrantInnen kennen, damit sie diese mit dem nötigen Respekt und Feingefühl bei ihrer Pflege beachten können. Mittels interaktiver Lehrmethodik werden die Teilnehmer intensiv auf die Herausforderungen der interkulturellen Pflegearbeit vorbereitet.

Sie haben kürzlich mit dem Projekt „Kultursensible Pflege“ eine Lernreise für Pflegekräfte nach Berlin durchgeführt. Was war das Ziel dieser
Reise und welche Besonderheiten bestehen in der Berliner Situation?  

Maryam Gardisi: Wir wollten die Arbeit der transkulturellen Pflegedienste in der
multikulturellen Stadt Berlin kennen lernen und erfahren, wie ältere Migranten dort leben, gepflegt und integriert werden. Die  Begegnung mit den Berliner Pflegeeinrichtungen war sehr bereichernd und gab der Gruppe einen großen Motivationsschub für die tägliche harte Arbeit.





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