Newsletter Juli 2011

Interkulturelles Training als „Allheilmittel“?

Interkulturelles Training als „Allheilmittel“?, Fix International Services, Interkulturelle Kompetenz, Interkulturelle TrainingsNachdem die Rubrik „Trainingsvorbereitung“ mit der letzten Ausgabe ihren Abschluss fand, widmen wir uns in den folgenden Ausgaben dem nicht minder relevanten Themenblock: „Wirkmechanismen, Möglichkeiten und Grenzen Interkultureller Trainings“. Lässt sich Interkulturelle Kompetenz tatsächlich in einem Training „erlernen“? Was kann ein Training zur Förderung dieser vermeintlichen Kernkompetenz wirklich leisten? Und was kann bei der Vermittlung interkultureller Inhalte auch schon einmal „nach hinten losgehen“? Welche Gefahren die Anwendung des, in Interkulturellen Trainings weit verbreiteten, „Kulturstandardkonzepts“ birgt, steht im Fokus der aktuellen Ausgabe!
Rubrik: Interkulturelles Training

Interkulturelle Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit, mit Angehörigen der eigenen Kultur und fremder Kulturen effektiv und angemessen zu interagieren. Unter Berücksichtigung kultureller Unterschiede ist der Mitarbeiter in der Lage, Erwartungen, Interpretationen und Verhaltensweisen des Interaktionspartners adäquat vorherzusagen, wodurch ihm Handlungssouveränität in verschiedenen Kulturkreisen ermöglicht wird.

Kulturstandards beschreiben die zentralen Unterschiede zwischen Kulturkreisen

Um sich im Kontakt mit internationalen Geschäftspartnern angemessen verhalten zu können, bedarf es somit u. a. der Kenntnis über die entscheidenden Kenngrößen, in denen sich verschiedene Kulturen voneinander unterscheiden. Zur Erklärung und Klassifizierung kultureller Unterschiede im Arbeitsverhalten  bedient man sich in vielen Interkulturellen Trainings der sogenannten „Kulturstandards“. Laut Definition von Alexander Thomas bezeichnen Kulturstandards verbindlich angesehene Normen und Maßstäbe, auf deren Grundlage Verhaltensweisen in einem bestimmten Kulturkreis ausgeführt und beurteilt werden. Diese beziehen sich beispielsweise auf Zeit- und Hierarchieverständnis, auf die Erwartungen an eine Arbeitsbeziehung oder auch auf die Art und Weise, wie wir kommunizieren und auf welche Aspekte wir im Gespräch unsere Aufmerksamkeit lenken. Die Ausprägung  und Bedeutung der einzelnen Kulturstandards variiert zwischen den verschiedenen Kulturkreisen. Wer sich mit diesen kulturellen Unterschieden auseinandergesetzt hat, kennt das vorhandene Konfliktpotential, kann das Verhalten seines ausländischen Geschäftspartners besser einschätzen und entsprechend Missverständnissen vorbeugen. So die Theorie.

Achtung vor der „kulturellen Brille“!  

Das Arbeiten mit Kulturstandards birgt jedoch das Risiko, bei den Trainingsteilnehmern stereotype Erwartungshaltungen hervorzurufen. Bei einer unreflektierten Anwendung der Kulturstandards läuft der Trainingsteilnehmer im Arbeitsalltag Gefahr, alles im Verhalten seines Interaktionspartners ausschließlich durch die “kulturelle Brille“ zu betrachten. Schnell kann es passieren, dass es nach einem Interkulturellen Training heißt: Die Spanier seien notorisch unpünktlich, die Japaner seien nicht in der Lage ihre Anliegen direkt zu kommunizieren und die Russen seien obrigkeitshörig… Bedeutet das also, in Spanien sollte ich immer zu spät kommen, in Japan sollte ich alles durch die Blume formulieren und in Russland habe ich mich zu unterwerfen?

Gibt es ihn wirklich - den Deutschen – den Russen – den Japaner?  

So einfach ist das leider nicht! Denn das menschliche Wesen – keine Frage – ist komplex, das menschliche Verhalten wird von sehr viel mehr Aspekten geleitet, als  von unserer kulturellen Zugehörigkeit. So unterscheiden sich Individuen auch innerhalb einer Kultur auf Grund ihrer Persönlichkeitsstruktur, Bildung, Erziehung und in Hinblick auf ihre bisherigen Auslandserfahrungen. Auch wenn „die Spanier“ untereinander vielleicht keinen großen Wert auf Pünktlichkeit legen, so wird Pünktlichkeit, wenn der spanische Geschäftsmann vielleicht schon den einen oder anderen Deutschlandaufenthalt hinter sich hatte, von dem deutschen Geschäftspartner durchaus erwartet.  Das Verhalten des Spaniers, des Japaners und des Russen, mit dem Sie es am Arbeitsplatz zu haben, kann somit von etlichen dieser Standards mitunter erheblich abweichen. Und dass man während seines Auslandsaufenthaltes wirklich auf den Russen trifft, der in seinem Denken und Handeln jederzeit voll und ganz den Kulturstandards seiner Kultur entspricht,  ist auch vor dem Hintergrund wechselnder Umgebungsbedingungen (Geschäftsessen oder privates Treffen, Auftraggeber oder Auftragnehmer, Branche und Tätigkeitsfeld) sogar eher unwahrscheinlich, als wahrscheinlich.

Also Achtung: Wer sich im Umgang mit seinen Interaktionspartnern ausschließlich auf Kulturstandards verlässt, ist vor Fettnäpfchen keinesfalls gefeit!

Fazit: Sollte man in Interkulturellen Trainings also auf Kulturstandards verzichten? 

Kulturstandards spiegeln Verhaltensweisen wieder, die in einem bestimmten Kulturkreis gehäuft an den Tag gelegt werden. Einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben sie jedoch nicht.  Um im Training keine falschen Erwartungen zu schüren, gilt es, die Teilnehmer bereits während des Trainings auf die Grenzen des Kulturstandardkonzepts hinzuweisen. Eine Verwendung in Interkulturellen Trainings empfiehlt sich jedoch trotzdem. Denn trotz eingeschränkter Gültigkeit lassen sich anhand der Kultur-Standard-Methode die gängigen Unterschiede zwischen den Geschäftsmentalitäten sehr gut aufzeigen. Sie verdeutlichen Konfliktpotentiale und bieten uns einen allgemeinen Orientierungsrahmen, um in einem anderen kulturellen Umfeld verhältnismäßig sicher agieren zu können.


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