Newsletter Juli 2011

Multikulturalität: Der Fußballplatz ist Zukunftslabor

Der Fußballplatz ist Zukunftslabor, Diversity, Newsletter Fix Internaitional ServicesFrauenfußball? Frauenfußball! Fußballsport ist Bühne und Spiegel der Gesellschaft. Der erfolgreiche Verlauf der zurückliegenden Weltmeisterschaft hat viele Beobachter überrascht. Zwar wurde es nichts mit dem Weltmeistertitel für die favorisierten deutschen Kickerinnen. Doch auch 2011 war „Die Welt zu Gast bei Freunden“, wie schon 2006 das Motto lautete, als sich Deutschland als weltoffenes und gastfreundliches Land präsentierte. Die deutsche Nationalmannschaft war vor fünf Jahren mit Spielern wie Odonkor, Kuranyi, Podolski oder Asamoah multikultureller als je zuvor aufgestellt – obwohl bereits in den 30er-Jahren die Kinder polnischer Einwanderer im Spitzenfußball eine herausragende Rolle spielten: Ernst Kuzzora und Fritz Szepan bildeten den legendären Schalker Kreisel.
In traditionellen Einwanderungsländern, das wissen Diversity-Experten, zeigt zuerst der Sport positive Rollenmodelle auf. Oft erleben die Fans erfolgreiche Vorbilder gelungener Integration, bevor diese im Topmanagement ankommen. „Verlacht, verboten und gefeiert“, eine von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Ausstellung zur Geschichte des Frauenfußballs, zeigt gerade in Berlin die facettenreiche Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland. Von den Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in England, über das von 1955 bis 1970 dauernde Verbot durch den DFB bis zu den heutigen Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft bietet sich ein vielfältiges Bild, das nicht nur den Kampf gegen bestehende Vorurteile und Klischees beschreibt.

Auch das sind Klischees: „Sport spricht alle Sprachen“, Fußball ist „Integrationsfeld Nummer 1“ und „Sport kennt keine Grenzen“! Allerdings ist die Wirklichkeit komplizierter: „Sport bietet die Chance für interkulturelle Verständigung, enthält aber auch die Gefahr zum Streit, selbst Schiedsrichter wurden schon zum Spielball für frustrierte Kicker in deutschen Kreisklassen, die Medienberichterstattung unterstützt die Wiederholung nationaler Stereotypen und kultureller Klischees,“ berichtet eine Studie der Heinrich Böll-Stiftung. Dabei sind Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit im Fußballsport keine spezifisch deutschen Probleme.

Fouls gehen oft von den Rängen aus

Hierzulande spielen über zwei Millionen Kinder und Jugendliche in fast 30.000 Vereinen Fußball. Sie kicken in Mannschaften, in denen häufig jeder Zweite den vieldiskutierten Migrationshintergrund aufweist. Dominieren dort Fouls, Diskriminierungen und verhinderte Karrieren? Fußball, so erklären Wissenschaftler, ist ein Integrationsfaktor, ein soziales Laboratorium für die interkulturelle Verständigung und die Gesellschaft der Zukunft. Auch der Frauenfußball erlebte in Deutschland traurige Phasen vor dem Boom. Dass die Frauennationalmannschaft schließlich Olympiasieger und Welt- und Europameister wurde, führte dazu, dass immer mehr Mädchen Fußball spielen, darunter mit steigender Tendenz, auch viele junge Migrantinnen. Selbst das Scheitern verziehen die Fans jetzt den eigentlich favorisierten schwarzrotgelben Kickerinnen.

Doch selbst wenn auf dem Rasen Fairplay herrscht, gehen Fouls oft von den Rängen aus. Rechtsradikale Gewalt hat in Deutschland (und auch vielen anderen Ländern Europas) seit Jahren in den Fußballstadien Konjunktur. Wissenschaftler nennen als Ursachen die zunehmende Desintegration und Perspektivlosigkeit durch den gesellschaftlichen Wandel. Dabei gilt: Je niedriger die Spielklasse, desto häufiger scheinen solche Erscheinungen Raum zu greifen. Gegenkampagnen sind nur dann glaubwürdig, wenn sie Teil eines fortgesetzten Konzeptes sind. Generell gilt, dass die soziale Verankerung von Maßnahmen ihre Wirksamkeit erhöht. Das heißt, dass Maßnahmen dann besonders wirksam sind, wenn sie mit den Fans zusammen entwickelt und von den Fans getragen werden.

Interkulturelle Stereotype in der Mehrheitsgesellschaft

Die ethnische Selbstorganisation von Migranten in Vereinen führt bei der „Mehrheitsgesellschaft“ zwar zu einer  Wahrnehmung ethnischer Differenz. Doch diese Differenz wird nicht als unüberwindbare Hürde gesehen. Die Unterschiede zwischen Migranten und Deutschen werden ohne starke moralische Bewertungen wahrgenommen. Verbreitet ist noch immer das interkulturelle Stereotyp vom „heißblütigen Südeuropäer“. Stereotype finden vor allem in Kontaktsituationen Einsatz. Doch ein fremder Spieler, der heute beim Gegner im Einsatz ist, kann schon morgen als Teil im eigenen Team Tore schießen. Der Erfolg der Mannschaft hängt deshalb von dessen Kooperation ab. Aber auch intern sind deutsche Vereine abhängig von Migranten: viele Vereine kämen ohne ausländische Spieler nicht auf  Mannschaftsstärke. Vielerorts würde der Spielbetrieb zusammenbrechen. Zudem ist die Tatsache, dass es noch immer zu Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Migranten kommt, nicht unbedingt ein Zeichen von Desintegration. Denn pluralistische Gesellschaften kennen Konflikte zwischen Gruppen immer dann, wenn die Machtunterschiede nicht groß sind. Auch in der Fußballwelt gilt, dass nicht nur individuell erworbenes „Kapital“ über den sozialen Ort des Handelnden bestimmt. Diesen bestimmen auch soziale Zuschreibungen mit einer entsprechenden Historie, die in der Gesellschaft tief verankert sind. „Der Blick in die Fußballwelt“, so das Fazit einer Studie der Heinrich Böll-Stiftung, „ermöglicht uns eine Vorstellung davon, was Integration in modernen, pluralen Gesellschaften überhaupt heißen kann, zu überdenken.“

Auf dem Sportplatz wird oft hart gekämpft. Und auch im Topmanagement geht es nicht zu wie auf dem Ponyhof – jeder kämpft für sich allein. Doch alle Erfahrung lehrt: Wer foul spielt, muss die rote Karte sehen: Achtung und Respekt voreinander sind hier wie dort die Gebote interkulturellen Handelns.Download Multikulturalitaet, Der Fussballplatz is Zukunftslabor, Newsletter, Fix International Services

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