Newsletter Juli 2012

"Schwiegermutter", kleine Füße? - Großer Ärger!

interkulturelle-unterschiede-humor-fix-international-services.jpgHumor ist ein Phänomen mit spezifisch kulturellen Grundlagen. Kein Wunder, dass es in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen oft unterschiedlich wahrgenommen wird oder Menschen sich nicht verstehen; Missverständnisse sind programmiert. Denn nicht jeder findet witzig, was andere zu Lachsalven animiert. So weltumfassend Lachen als angeborene Ausdrucksweise des Menschen erscheint, so wenig identisch ist nämlich, worüber und zu welchen Anlässen gelacht wird. Andererseits ist Humor auch Vermittler erfolgreicher interkultureller Kommunikation, das gemeinsame Lachen muss das Ziel sein.
Kennen Sie den? Der chinesische Schwiegervater bittet seine drei Schwiegersöhne, Sätze zu bilden, in denen die Begriffe „groß“ und „klein“ auftauchen. Die Älteren führen die Aufgabe ohne Schwierigkeiten durch. Doch der jüngste Schwiegersohn muss lange überlegen. Als die Schwiegermutter in den Raum kommt, hat er prompt einen Einfall: „Meine Schwiegermutter hat sehr kleine Füße und einen großen Kopf!“ will er punkten – und erlebt einen Wutausbruch. Wir finden das eher nicht zum Prusten, weil wir keine Chinesen sind. Deshalb können wir nicht wissen, wie dumm sich der junge Mann verhält - er verletzt gleich drei traditionelle chinesische Tabus. Er spricht über die Schwiegermutter, über ihre Füße und deren Größe…

Im Reich der Mitte sind Schwiegersöhne traditionell Witzfiguren, hierzulande sind das dralle Blondinen, autistische Computernerds oder einfach gestrickte Menschen aus Ostfriesland. Aber auch über Ausländer lachen Chinesen gerne: wenn diese nämlich glauben, Chinesisch sprechen zu können. So ist das Verständnis von Witzen und Humor eine der großen Herausforderungen des interkulturellen Miteinanders. Selbst wenn man die wörtliche Witz-Bedeutung erfasst hat, versteht man deswegen nicht ohne weiteres, was ihn im Kern für Andere lustig macht. Zwar ist Lachen etwas allgemein Menschliches. Doch das, worüber die Menschen lachen ist es damit noch lange nicht. Humor dient, unter anderem, zur Regelung von Konflikten, zur Stärkung des Gruppengefühls oder kann hilfreich sein beim Umgang mit Vorurteilen und Ungleichheiten ökonomischer, ideologischer oder auch sozialer Natur. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit der Spezifik von Witzen ein wichtiges Element in der interkulturellen Forschung.

Humor ist ein Fremdwort: Youmo

Das chinesische Wort für Humor ist ein Fremdwort, das aus der phonetischen Übersetzung des englisches Wortes „humour“ gebildet wurde, es lautet „youmo“, Experten werten dies als Hinweis, dass das westliche Humor-Konzept mit einer ursprünglichen chinesischen Auffassung von Humor nicht identisch ist, sondern der Begriff und seine Bedeutung ins Reich der Mitte importiert wurden. Sich selbst beschreiben die Chinesen als humorvoll, in vielen Schriften ihrer Überlieferung sehen sie Werke voller Humor, auch in den Büchern von Konfuzius entdecken sie humorvolle Züge – die sich allerdings dem europäischen Leser nicht sofort als solche erschließen. Am liebsten lachen Chinesen über ihre Spielereien mit Wörtern. Dafür ist ihre Sprache aufgrund ihrer Systematik geeignet wie kaum eine andere, mit nur wenigen Silben werden alle Wörter zusammengesetzt, entsprechend ähnlich klingen sie für uns. Mit der chinesischen Sprachstruktur hängt, so deuten das Experten, auch das Fehlen von Ironie und das Unverständnis gegenüber ironischen Bemerkungen zusammen: Voraussetzung sei ein komplexes Assoziationsvermögen, um zu verstehen, welches Wort vom Gesprächspartner gemeint ist. Was folgt daraus? „Halten Sie sich mit Witzen oder humorvoll gemeinten Anspielungen gegenüber chinesischen Partnern zurück,“ empfiehlt Bettina Kertscher, Geschäftsführerin des Hamburger Kommunikationsdienstleisters Fix International, „auch Chinesen, die gut deutsch sprechen, haben für solche Mitteilungen oft nur wenig Verständnis.“ Das besondere Problem: Auch wenn ein Chinese lacht, kann er sich durchaus beleidigt fühlen! „Schon viele deutsch-chinesische Kooperationen hatten unter solchen Missverständnissen zu leiden – häufig ohne dass dieses den deutschen Partnern überhaupt klar war“, fügt Bettina Kertscher hinzu.   

„Hier entstehen Witze … „  

Aber ist es in unserer Nachbarschaft, in England, anders? Humor gehört zum Selbstbild der Briten, es macht ihre Identität aus und bestimmt den Alltag auf der Insel. Humor wird eingesetzt, damit das Leben entspannter ist, auch in schwierigen Angelegenheiten. So entstehen, besonders in der Kommunikation mit Ausländern, häufig Fehlschlüsse. Besonders, wenn diese glauben, dass nichts von dem, was gerade durchaus humorvoll und von Spottgelächter begleitet verhandelt wird, ernst genommen werden muss. Weit gefehlt – hier wird gerade der Ernstfall verhandelt! Und die Deutschen? Die ziehen es vor, in komplizierten Zeiten humorvolle Erklärungen zu unterlassen. Schließlich geht es um das Ergebnis einer Aussprache, dass nicht gefährdet werden darf. Umgekehrt  können Missverständnisse zwischen Deutschen und Briten dadurch aufziehen, dass letztere glauben, Humor sei Bedingung jedes Meetings. Damit haben sie häufig Probleme, sich in Menschen hineinzuversetzen, die ihre Meinung nicht teilen. Das britische Klischee hält den deutschen Humor für plump und grobschlächtig. Nur weil er „anders“ ist, hat dies in London fälschlicherweise zu der Ansicht geführt,  Deutsche seien eher humorlos.

Doch ob Beijing, Berlin oder London: wenn Manager versuchen, brenzlige Situationen durch witzige Bemerkungen oder Humor zu lockern, soll das zum Warming-Up beitragen. Wer in ein „humoristisches Fettnäpfchen“ getreten ist, hat nur eine Möglichkeit, zu retten, was noch zu retten ist: „Entschuldigen Sie sich, wenn Sie merken, dass etwas schief gelaufen ist!“ rät Katrin Brass, Leiterin des Bereichs Interkulturelles Training beim Kommunikationsdienstleister Fix International in Hamburg. Hilfreich kann dann noch ein Hinweis auf Johann-Wolfgang von Goethe sein, den deutschen Meisterdenker, der in aller Welt ein Begriff für deutsche Kultur ist: „Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, der ist gewiss nicht von den besten“, befand der Weimarer Weltbürger in einem Epigramm.

 
 



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