Newsletter Juli 2012

Auslandsentsendung Ecuador: „Heute würde ich mich intensiver vorbereiten!“

Reiner Prühs, Interview Newsletter, Interkulturelle Trainings, Fix International ServicesGeht es um die Entsendung von Mitarbeitern ins Ausland, stehen häufig die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) im Fokus der Aufmerksamkeit. Doch längst sind deutsche Manager in zahlreichen weiteren, oft kleinen Ländern, aktiv. Der Hamburger Kaufmann Reiner Prühs arbeitete drei Jahre in Ecuador und berichtet hier von seinen Erfahrungen. Ecuador ist eine Republik im Nordwesten Südamerikas und hat 15 Millionen Einwohner. Die im Andenhochland auf 2850 m gelegene Hauptstadt ist Quito. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung ist unter 15 Jahre und nur 5 Prozent über 65. Das Durchschnittsalter liegt bei 23 Jahren (in Deutschland bei 44). Wie in den anderen Andenstaaten ist der Anteil der indigenen (indianischen) Bevölkerung sehr hoch. Ecuador ist nach BIP pro Einwohner nach Kaufkraftparität das zweitärmste Land Südamerikas. Es beträgt 4500 US-Dollar, das von Bolivien 3000 Dollar, das der Nachbarn Peru und Kolumbien 6000 Dollar und 8000 Dollar. Zum Vergleich: das BIP pro Einwohner nach Kaufkraftparität von Deutschland beträgt 32.000 Dollar.
Rubrik: Interview mit Reiner Prühs

Reiner Prühs ist Kaufmann und leitete für einen international tätigen Konzern in Ecuador den Vertrieb von Kraftfahrzeugteilen. Er lebte dort in der Hauptstadt Quito zusammen mit seiner Familie. Im Rückblick rät er zu intensiver Beschäftigung mit interkulturellen Fragestellungen. Heute ist Reiner Prühs selbstständiger Kaufmann und leitet „workers friend“ ein Unternehmen, dass europaweit Arbeits- und Berufsbekleidung verkauft. 



Herr Prühs, Sie haben vor einigen Jahren als Manager in Ecuador für einen deutschen Elektronikkonzern gearbeitet. Was hat Ihnen dort neben Ihrem Job am besten gefallen?

Reiner Prühs: Es war eine einzigartige Herausforderung, in einem mir völlig fremden Kulturkreis zu leben und zu arbeiten. Die Menschen dort sind sehr aufgeschlossen und freundlich, deshalb war der Einstig in den Alltag zwar von vielen neuen Eindrücken geprägt. Es gab aber eigentlich fast nur angenehme Aha-Erlebnisse. Ecuador ist ein kleines Land, und obwohl es dort vom Löwensenf bis zum Franziskaner Weißbier alles zu kaufen gibt, ist es doch auch ein Land der Dritten Welt. Doch gibt es dort völlig verschiedene Mentalitäten in der Bevölkerung. Je näher man der heißen Küstenregion kommt, desto schneller sprechen die Leute – allerdings arbeiten sie dort auch langsamer…

Worin bestand Ihre Aufgabe und wie sind rückblickend Ihre Erfahrungen?

Reiner Prühs: Ich war dort Verkaufsleiter national für sämtliche Produkte eines deutschen Kraftfahrzeugteileherstellers und habe landesweit sämtliche Vertriebaktivitäten geplant und mit dreißig Mitarbeitern umgesetzt. Das bedeutete sowohl organisatorische Tätigkeiten im Büro, als auch viele Reisen durchs Land. Die Entfernungen werden dort übrigens nicht in Kilometern angegeben, sondern in Stunden. Denn der Zustand der Straßen lässt vielfach zu wünschen übrig.

Wie haben Sie die Ecuadorianer im Arbeitsalltag erlebt und worin bestanden die Herausforderungen?

Reiner Prühs: Viele meiner Leute hatten einen Bildungsabschluss, den man mit unserem Abitur vergleichen kann. Trotzdem hatten sie vielfach große Defizite mit denen ich zunächst nicht gerechnet hatte. Deshalb gehörte auch die Vermittlung von mathematischen Grundlagen, die ja eigentlich die Basis eines jeden Verkäufers sein sollte, zu meinem Job. Mit dem Außendienst habe ich Produkt- und Verkaufsschulungen durchgeführt, was nicht immer einfach war. Arbeitsabläufe sind in Ecuador nie selbstverständlich. Man muss immer alles kontrollieren, jeden einzelnen Arbeitschritt immer wieder genau erklären und anschließend auch begleiten. Ecuadorianer sind, gemessen an unseren Maßstäben, sehr unselbständig. Ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, wie schwierig es sein würde, mir von ihnen einfache Marktanalysen erstellen zu lassen. Das macht die Arbeit anstrengend. Aber immerhin ist es mir gelungen, aus Einzelkämpfern schließlich ein Team zu formen.

Haben Sie sich vor dem Einsatz mit interkulturellen Aspekten beschäftigt?

Reiner Prühs: Leider nein! Natürlich hatten wir uns vor dem Aufenthalt etwas Literatur über Land und Leute besorgt. Aber über mögliche interkulturelle Probleme hatte ich mir keine Gedanken gemacht – das war ein Fehler. Den richtigen Umgang mit den Menschen dort muss man in einzelnen Schritten lernen. Man muss die Mentalität der Menschen akzeptieren, ihr grundsätzlich langsameres Arbeitstempo. Ich musste lernen, dass man oft nur durch einen sehr autoritären Führungsstil Ergebnisse erzielt. Das ist aber nicht meine Art. Wer das nicht akzeptiert, wird scheitern. Letztlich war dies der Grund, warum wir wieder nach Deutschland zurückgegangen sind.

Sprechen Sie Spanisch und wie wichtig sind Sprachkenntnisse?

Reiner Prühs: Als wir dort hingegangen sind, hatte ich nur wenig spanische Sprachkenntnisse. Doch die sind dort unabdingbar. Deswegen haben meine Frau und ich alles daran gesetzt, möglich schnell ein gutes Niveau zu erreichen. Heute spreche ich fließend Spanisch.

Ihre Frau hat Sie nach Ecuador begleitet und während ihrer gemeinsamen Zeit eine Tochter bekommen. Welche Erfahrungen haben Sie als Familienvater dort gemacht?

Reiner Prühs: Meine Frau hat dort nicht gearbeitet, was manchmal schwierig war. Aber die ärztliche Versorgung war perfekt. Allerdings waren wir überall die Exoten: alle Ecuadorianer wollten unbedingt unsere neugeborene Tochter anfassen. Deshalb wurde uns geraten, sie gegen alles impfen zu lassen. Nicht leicht war es, Kontakt zu Einheimischen zu finden. Unsere Freizeit haben wir zumeist mit anderen Europäern verbracht.
 
In welchem Ruf stehen deutsche Manager im Ecuador?

Reiner Prühs: Bei den einheimischen Händlern hatte ich einen „Gringo-Bonus“: Die Deutschen bauen die besten Autos, sind zuverlässig und sagen immer die Wahrheit. Anderseits begegnen die Mitglieder der dortigen Oberschicht den ausländischen  Managern mit einer gewissen Verachtung. Sie fühlen sich kontrolliert und überwacht. Sie wollen eigentlich keine Unterstützung von außen, und wehren sich zu Recht gegen eine Bevormundung. Weil sie auch alleine in der Lage sind, ihre Dinge zu regeln, eben auf ihre Weise.
 
Welche Eigenschaften sollten Manager mitbringen, die in Ecuador erfolgreich agieren wollen?   

Reiner Prühs: Das A und O sind gute Netzwerke. Man muss Kontakte zu sämtlichen Organisationen haben. Und man muss auch wissen, dass es Korruption gibt, die zum Glück tendenziell rückläufig ist. Am Monatsende, das war meine Erfahrung, häufen sich Verkehrskontrollen und man zahlt dann besser kleinere Summen Bargeld, auch wenn überhaupt kein Vergehen vorliegt.  

Was hat Sie in ihrer Zeit in Ecuador am meisten überrascht?

Reiner Prühs: Dass sich die Mentalität der Menschen grundsätzlich von uns Europäern unterscheidet. Eine wirkliche Annäherung ist deshalb nur schwer möglich. Und trotzdem war es eine Freude, dort ein paar Jahre mit ihnen zu leben.




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