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Übersetzungsfehler: Wer hat dem Moses Hörner aufgesetzt?

istock-000028407300small.jpgBesucht man in Rom die Kirche San Pietro in Vincoli in der Nähe des Kolosseums, gehört dort die Statue eines bärtigen Mannes zu den meistbestaunten Touristenmagneten. Es handelt sich um die Darstellung des Moses, vom großen Michelangelo (1475 bis 1564), in weißen Carrara-Marmor gehauen. Die Mosesstatue gilt als eines der wichtigsten Werke des Michelangelos und zeigt Moses in dem Augenblick, als er die Israeliten beim Tanz um das goldene Kalb findet. Die Besonderheit: Auf seinem Kopf befinden sich zwei Hörner. Warum aber hat Michelangelo der biblischen Gestalt, der die Israeliten aus Ägypten führte, Hörner aufgesetzt? Kleine Ursache – große Wirkung: es war ein Übersetzungsfehler! Denn eigentlich hätte das Haupt des Moses nicht von Hörnern, sondern als von Strahlen umgeben gezeigt werden müssen…
Wie konnte das passieren? Michelangelo konnte nicht wissen, dass die von ihm benutzte lateinische Übersetzung des Bibeltextes in Exodus 34,35 einen Fehler enthielt. Und Michelangelo war keine Ausnahme, auch andere Maler und Bildhauer statteten den Führer der Israeliten mit Hörnern aus, den Symbolen der Macht. Denn sie orientierten sich am Text des Alten Testaments. So hieß es im Buch Exodus (Kapitel 34, Vers 29), dass Moses, als er vom Berg Sinai herabstieg, Hörner trug. Zumindest war das in der sogenannten Vulgata zu lesen, in der lateinischen Übersetzung, die seit dem 8. Jahrhundert gebräuchlich war. Doch warum lag die Vulgata mit ihrer Übersetzung falsch?  Die Erklärung ist simpel. Denn das Wort „Keren“ (Strahl) des hebräischen Originaltextes wurde in der Vulgata fälschlicherweise mit „Cornu“ (Horn) übersetzt.
Da die hebräische Sprache keine Vokale kannte, mussten die Leser wissen, wie die einzelnen Wörter betont wurden. Wird also das hebräische Wort für strahlen, (hebr. karan) als „kären“ ausgesprochen, heißt es „Horn“. Und als „Horn“ ging es dann in die Vulgata ein, die lateinische Bibelübersetzung. Die Vulgata bildete die Vorlage für die Bildhauer, „Mose hatte Hörner“, lasen folglich die Künstler. Entsprechend so auch Michelangelo Buonarroti, der keinesfalls die Absicht verfolgte, eine Teufelsskulptur zu schaffen.  



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