Newsletter September 2011

Interkulturelle Trainings - Wo liegen ihre Grenzen?

Grenzen interkulturelle Trainings, Newsletter Fix International Services, Dolmetschen, ÜbersetzenNachdem wir in der Newsletter Ausgabe August geschildert haben, wie interkulturelle Trainings aus psychologischer Sicht auf den Teilnehmer wirken, widmen wir uns heute der Frage, wie ein Training seine Wirkung entfaltet. Darf man davon ausgehen, dass ein gutes interkulturelles Training grundsätzlich interkulturelle Handlungskompetenz herausbildet – oder gibt es bestimmte Voraussetzungen, die erfüllt sein sollten? Wann stößt ein interkulturelles Training an seine Grenzen?
Rubrik: Interkulturelles Training

Lernt jeder, interkulturell kompetent zu agieren?


Kontaktfreudigkeit, Offenheit, Geduld und Toleranz – dies alles sind zentrale Persönlichkeitsmerkmale, allgemeine Soft Skills, die grundsätzlich den Umgang mit fremden Menschen erleichtern.  Auch auf internationalem Parkett spielen diese Eigenschaften eine nicht unwesentliche Rolle: Geduld im Umgang mit ausländischen Geschäftspartnern und Toleranz gegenüber Kollegen aus anderen Kulturkreisen tragen wesentlich zu einer erfolgreichen Kommunikation bei. Gewisse „personale Faktoren“ sind folglich durchaus relevant bei der Herausbildung interkultureller Kompetenz.
Als einen zentralen Einflußfaktor für einen erfolgreichen Austausch mit fremden Kulturen, nennt die Forschung die sogenannte Ambiguitätstoleranz. Dabei handelt es sich um die Fähigkeit, mit neuen und scheinbar unstrukturierten Situationen und der daraus resultierenden Ungewissheit umgehen zu können. Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz sind in der Lage, auch in ungewissen, schwer kontrollierbaren Situationen Ruhe zu bewahren und handlungsfähig zu bleiben. Sie sind nicht leicht zu verunsichern und haben weniger Schwierigkeiten, auf Abweichungen von der gewohnten Norm zu reagieren.
Ebenfalls von großer Bedeutung ist die Fähigkeit zur Perspektivübernahme, was im weitesten Sinne bedeutet, dass man die „Welt mit den Augen des Anderen“ betrachtet. Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel setzt grundsätzlich die Kenntnis voraus, dass ein und dasselbe Ereignis unterschiedlich betrachtet, erlebt und bewertet werden kann – und beinhaltet darüber hinaus auch die Fähigkeit, diese fremde Perspektive in angemessene Verhaltensweisen zu „übersetzen“.
Während man die Fähigkeit, auch in unkontrollierbaren Situationen die Ruhe zu bewahren und souverän handeln zu können, nur schwer trainieren kann, lässt sich die Fähigkeit zum Perspektivwechsel in Trainings sehr gut vermitteln. Inwieweit dies am Ende gelingt, ist bedingt durch die eigene Lernbereitschaft. Wer fremden Denk- und Lebensweisen nicht aufgeschlossen gegenüber steht, wird niemals in der Lage sein, sein Gegenüber zu verstehen und sich angemessen zu verhalten. Hier stößt das interkulturelle Training schnell an seine Grenzen.

Auswahl der Trainingsteilnehmer

Geht man nun davon aus, dass manche Menschen bestimmte Voraussetzungen für ein erfolgreiches Lernen erfüllen, andere aber nicht, ist eine sorgfältige Auswahl der Trainingsteilnehmer bedeutsam. Denn gute Trainings bilden zwar neue Fähigkeiten heraus und schulen vorhandene,  verändern jedoch nicht die Persönlichkeit der Teilnehmer. Daher ist es ratsam, vor der Entscheidung für einen internationalen Mitarbeitereinsatz und die damit verbundenen Schulungs- maßnahmen die Eignung des Mitarbeiters zu evaluieren. Die zu diesem Zweck genutzten Methoden sind äußerst vielfältig. Sie reichen von einfachen Tests zur Messung der Ambiguitätstoleranz bis hin zu hochkomplexen, interkulturellen Assessment-Centern, die bereits vorhandene interkulturelle Kompetenz messen – ein Thema, das wir in einer späteren Newsletter-Ausgabe aufgreifen werden. Idealerweise sollten Arbeitgeber bei wichtigen Personalentscheidungen auf diese Möglichkeiten zugreifen. Schult man nämlich den „falschen“ Mitarbeiter, führt selbst das beste Training nicht zum gewünschten Erfolg!

Situationsfaktoren interkulturellen Handelns

Nun darf man jedoch nicht schlussfolgern, dass ausschließlich kommunikative Supermänner/-frauen interkulturell kompetent agieren! Interkulturelle Handlungskompetenz wird nicht einfach bedingt durch vorhandene oder nicht vorhandene Fähigkeitsprofile. Zusätzlich zu den Persönlichkeitseigenschaften spielen auch „situative Faktoren“ eine Rolle: die Personen auf die man trifft, Orte an denen man sich aufhält und Ereignisse, die eintreten. Hier ist wichtig, im Wissen um die eigene Person antizipieren zu können, mit welcher Situation man eher gut beziehungsweise schlecht zurechtkommen wird. Wie fühle ich mich beispielsweise, wenn persönliche, emotionale Kontakte maßgebend sind für einen Geschäftsabschluss? Stört es mich, wenn ich als Führungskraft deutlich direktiver auftreten muss als gewohnt? Kann ich der Situation angemessen reagieren? Auch das ist interkulturelle Handlungskompetenz!
Eine Auseinandersetzung mit den situativen Faktoren einer fremden Umgebung findet ebenfalls im Rahmen eines Trainings statt. Am Ende ist nämlich interkulturell erfolgreich, wer diese Signale erkennt und sein Verhalten entsprechend modifizieren kann. Interkulturelle Kompetenz entwickelt sich – und das braucht Zeit.

Fazit: Interkulturelle Kompetenz muss wachsen

Ein Training liefert eine erste Grundausstattung, einen Werkzeugkasten. Es bietet Anregungen und Erklärungsansätze, jedoch kein Lösungsschema F, das man immer parat hat und einem sagt, was genau man in einer bestimmten Situation zu tun hat. Ein ehemaliger Trainingsteilnehmer verfügt zwar über fundierte Landeskenntnisse und das Wissen darüber, worauf man achten und wie man sich – theoretisch – verhalten sollte. Ob die eingeübten Strategien tatsächlich im Land oder in der Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen erfolgreich umsetzbar sind, ist auch eine Frage der Zeit, die eine intensive  Auseinandersetzung mit der Kultur vor Ort erfordert. So steht wirklich interkulturelle Handlungskompetenz erst am Ende eines interkulturellen Lernprozesses, der zahlreiche Begegnungen voraussetzt, durch die notwendige Erfahrungen  wachsen können.

Wie sich vor dem Hintergrund der Komplexität interkulturellen Lernens durch gutes Training trotzdem schnelle und nachhaltige Lernerfolge erzielen lassen, wird das nächsten Ausgabe unseres Newsletters sein.



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