Newsletter September 2012

Konferenz in Tunesien: „Optimistisch, hoffnungsfroh und zuversichtlich!“

Heinrich Seeger, Konferenz in Tunesien, droidcon, Interviewm, Newsletter Fix International ServicesDie Revolutionen in den arabischen Ländern und ihre wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen stellen international aufgestellte Manager vor viele Fragen. Die Ergebnisse der bundesweiten IHK-Unternehmensumfrage 2011/2012 „Going International - Erfahrungen und Perspektiven der deutschen Wirtschaft im Auslandsgeschäft“ beleuchtet Nordafrika unter den Eindrücken dieser Umwälzungen. Die Lage in den nordafrikanischen Ländern, die 2010 bereits zu den am schlechtesten bewerteten gehörte, hat sich aufgrund der unsicheren politischen Rahmenbedingungen nach dem „Arabischen Frühling“ negativ entwickelt. Der Journalist und Veranstaltungsprofi Heinrich Seeger berichtet von seinen Eindrücken einer Konferenz, die er im Mai zusammen mit lokalen Kollegen in Tunis, der Hauptstadt Tunesiens, ausgerichtet hat. Tunesien, ein Staat in Nordafrika, grenzt im Norden und Osten an das Mittelmeer, im Westen an Algerien und im Süd-Osten an Libyen. Das Land zählt zu den Maghreb-Ländern, ist mit etwa 160.000 km² doppelt so groß wie Österreich und wird von fast elf Millionen Menschen bewohnt.
Rubrik: Interview mit Heinrich Seeger

Heinrich Seeger ist freier Journalist und Medienberater in Hamburg. Heinrich Seeger hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Publizistik studiert und verfügt über 25 Jahre Erfahrung im Print- und Online-Journalismus, u.a. als Gründungs-Chefredakteur des Monatsmagazins CIO. Darüber hinaus ist er Profi bei der Konzeption, Planung und Durchführung kompletter Medien- und Veranstaltungsprojekte.



Heinrich Seeger, Sie haben zusammen mit Partnern in Tunis eine Konferenz für Entwickler von Apps für Android-Smartphones und –Tablets veranstaltet, die droidcon. Wie kam es dazu?


Heinrich Seeger:  Wir machen die droidcon in Deutschland seit drei Jahren. Und weil die Entwickler-Community sehr international ist – nicht nur im Netz, sondern zumindest innerhalb Europas - wird auch viel gereist, wenn das Geld reichte. Darum waren auf den Berliner droidcon-Veranstaltungen immer auch Teilnehmer aus anderen Ländern. Einige von ihnen sind in ihren Heimatmärkten sehr gut vernetzt und bilden die Kristallisationskerne der dortigen Communities. Das trifft auch für Taher Mestiri zu, der uns vorschlug, in Tunis eine droidcon auszurichten. Wir hatten zu dem Zeitpunkt bereits einige internationale Veranstaltungen auf diesem Weg gemacht oder von Partnern machen lassen. Und darum haben wir es probiert. Wir treten allerdings nicht als Konferenzkapitalisten mit großem Portemonnaie auf; unsere lokalen Partner tragen meist alle rechtlichen und finanziellen Risiken selbst.
 
Wie haben Sie die Konferenz erlebt? Wie war die Zusammenarbeit mit den tunesischen IT-Experten?

Heinrich Seeger:  Zwei Wochen vor der Konferenz gab es noch kein Programm. Man konnte keine Tickets kaufen und auch für das Catering war noch nicht gesorgt. Wenn wir unseren Partner vor Ort gefragt haben, ob er glaube, dass alles noch klappt, war die Antwort: „Inshallah“ – so Gott will.
Es schien zunächst so, als würden unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt werden. Doch als wir in Tunis ankamen, funktionierte alles. Es waren 400 Besucher auf der Konferenz, allesamt übrigens blendend gelaunt. Und was die Qualität der Vorträge und Diskussionen angeht, so würde ich mir viele davon auch auf einer Konferenz in Europa wünschen.  
Taher Mestiri hatte kurz vor der Konferenz noch eine Menge Helfer aufgetrieben! Die haben sich auch über Nachtschichten nicht beschwert und so stand die Konferenz rechtzeitig. Das war nicht gerade Projektmanagement aus dem Lehrbuch, mit Sicherheitsmargen und allem Drum und Dran. Aber so, wie die Konferenz gelaufen ist, kann man nur staunen und sich auf das nächste Mal freuen – per aspera ad astra. So entstehen Legenden.

Welche Bedeutung haben die arabischen Länder heute im Bereich der Android-Entwicklung?  

Heinrich Seeger: Das ist schwer zu beurteilen. Ich sehe aber durch die Kontakte mit unserem Partner in Tunesien, dass der Ausbildungsstand in naturwissenschaftlichen Fächern dort gut ist.

Welche Bedeutung hat der Mobilfunk heute in Tunesien? Welchem technischen  Standard  entsprechen die Mobilfunknetze?

Heinrich Seeger: Wie in allen Ländern mit relativ schwacher Infrastruktur sind Handys wichtiger als Festnetztelefone. Die Abdeckung ist in Ordnung, selbst in den meisten ländlichen Gegenden. Smartphones sind noch nicht so weit verbreitet. Das liegt am Preis, aber auch daran, dass dsie Netzabdeckung für Internet-Services außerhalb der Städte noch schwach ist. Aber damit muss man in Deutschland ja zuweilen auch rechnen. In der Wüste allerdings klappt es nicht mit Handytelefonaten. Da braucht man schon ein Satellitentelefon.

Was können die Deutschen von den Tunesiern lernen?

Heinrich Seeger:  Mit Taxifahrern, Kellnern oder Straßenhändlern habe ich nicht darüber gesprochen, wie es ihnen geht. Ich kenne nur einige junge Leute mit guter Ausbildung und ziemlich guter Perspektive. Aber die arbeiten mit mehr Spaß, als man es hier häufig erleben kann.
 
Gab es eine Begebenheit, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Heinrich Seeger: Ja, der Abschluss der Konferenz in Tunis hat mich umgehauen. Der Moderator hat jeden Sprecher, jeden Helfer namentlich genannt und verabschiedet. Woanders hätte das große Gähnen angefangen und der Saal hätte sich geleert. Hier wurde jeder gefeiert. Ich hatte den Eindruck, die Leute konnten und wollten sich nicht von dieser besonderen Situation trennen und haben jede Minute miteinander genossen. Währenddessen stöpselte eine tunesische Reggae-Band ihre Instrumente in die Konferenz-Lautsprecheranlage ein. Als die Reden vorbei waren, fingen sie an zu spielen.  Ziemlich schnell kamen die ersten Leute aus dem Publikum auf die Bühne und tanzten. Nach fünf Minuten waren wohl 80 Leute auf der Bühne. Von der Konferenz zur Party.  

Dieses Gefühl war besonders. Und es wurde noch spannender, denn plötzlich kamen Leute mit einer tunesischen Flagge herein und spannten sie quer über die Bühne, wohl fünf Meter breit. Die waren froh und stolz, den Diktator aus dem Land gejagt zu haben. Sie waren optimistisch und hoffnungsfroh und zuversichtlich. Und dieses Gefühl konnte man mit Händen greifen. Ich habe so etwas auf einer Technikkonferenz noch nie erlebt.

 



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