Newsletter September 2012

“Made in Germany“ – Eine Herkunftsbezeichnung schreibt Geschichte

dolmetschen.jpgWas heutzutage weltweit ein Symbol für Qualität und Werthaltigkeit ist, sollte vor 125 Jahren eigentlich das britische Empire vor minderwertigen Produkten aus Deutschland schützen: 1887 wurde dort die Kennzeichnung „Made in Germany“ eingeführt. Das Siegel sollte billige Importe aus dem deutschen Kaiserreich verspotten, damals trat der „Merchandise Marks Act“ in Kraft. Die Vorschrift besagte, dass alle aus Deutschland ins Vereinigte Königreich importierten Waren diese eindeutige Kennzeichnung tragen mussten. Doch die Idee war letztlich fatal: Der Makel wurde zum Qualitätsmerkmal, die Fehleinschätzung führte zum Aufstieg Deutschland zur weltweit erfolgreichen Exportnation.
Denn die Kundschaft auf der Insel hatte herausgefunden, dass nicht nur Eisenwaren aus Deutschland gut und günstig auftraten, sondern auch deutsche Alltagsgegenstände wie Besteck, Bekleidung oder Porzellan ihr Geld wert waren. Diese wurden im deutschen Kaiserreich unter der Ausnutzung beachtlicher Wettbewerbsvorteile produziert, die Löhne waren niedriger und die Arbeiter standen länger an der Werkbank. Auch am Umfang der Ausfuhren lässt sich der Wandel ablesen. Der Export deutscher Fertigwaren über den Ärmelkanal hatte sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts im Vergleich zu den späten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mehr als verdoppelt. Das hatte bereits 1896 der britische Journalist E. E. Williams geahnt, der warnte: „Es spricht am meisten gegen diese Kennzeichnung, dass sie wie eine kostenfreie Empfehlung von Waren aus Deutschland wirkt.“ In den Wirtschaftswunderjahren der Bundesrepublik in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Signum „Made in Germany“ dann vollends zum Qualitätsstandard. Fahrzeuge von Mercedes-Benz oder Volkswagen, Maschinen von Miele und Siemens standen rund um die Welt für deutsche Wertarbeit. Sie galten als haltbar, langlebig und zuverlässig.
Zwar wird heutzutage die Waren- und Herkunftsbezeichnung offiziell von keiner Institution mehr vergeben. Doch für die deutsche Wirtschaft ist das Label „Made in Germany“ längst heilig. 2004 wollte ein EU-Außenhandelskommissar die europäischen Länderkennungen durch „Made in EU“ ersetzen – deutsche Unternehmen gingen auf die Barrikaden, auch Regierung und Opposition protestierten gegen den Plan, die Idee ging schnell wieder in die Schublade. Und auch wenn längst ein Großteil von „Made in Germany“ tatsächlich in Osteuropa oder Fernost gefertigt wird, dürfen deutsche Unternehmen das Label weiterhin nutzen, wenn der Zusammenbau oder die Veredelung ihrer Produkte in Deutschland durchgeführt werden.  



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