Newsletter September 2013

„Rollenspiele sind eine unbezahlbare Basis für die Praxis!“

fix-nl-29-herr-al-faray.jpgInterkulturelle Kompetenzen ergänzen nicht mehr nur vorhandenes Fachwissen, sie sind ein bedeutendes Element für den Erfolg von Fach- und Führungskräften. Ein gutes Beispiel gelebter interkultureller Vielfalt ist das Unternehmen Evac Train in Wedel, eine Erfolgs-Story aus Schleswig-Holstein. Die Firma, die zum französischen Konzern Zodiac S.A. gehört, ist auf Entwicklung und Produktion von Toilettensystemen und Sanitärmodulen für Schienenfahrzeuge spezialisiert. Evac Train ist in seiner Branche mit einem Marktanteil von mehr als 70 Prozent Weltmarktführer. Seit 40 Jahren hat die Evac Train Division weltweit mehr als 70.000 Vakuum-Systeme in Hochgeschwindigkeitszüge und Regionalzüge weltweit installiert. Um die Zusammenarbeit zwischen den Teams in Wedel und einer Niederlassung in Shanghai/China zu verbessern, nutzen die Mitarbeiter in Deutschland interkulturelle Trainings und Workshops des Hamburger Kommunikationsdienstleisters Fix International. Evac Team- und Projektleiter Nadim Al-Faray erläutert im Interview die Gründe und beschreibt die Trainingserfolge.
Dipl.-Ing. Nadim Al-Faray, 1965 im Irak geboren, hat von 1983-1987 an der Bagdad Universität Maschinenbau studiert. Seit 1997 lebt und arbeitet er in Deutschland. Als Teamleiter bei Evac Train ist er für die Koordination grenzübergreifender Projekte zuständig. Dazu gehören die Festlegung von Plänen und die Kontrolle der Einhaltung innerhalb festgelegter Fristen und Budgets. Der Schwerpunkt der Arbeit von Herrn Al-Faray liegt in der Koordination der  Zusammenarbeit seines Teams mit Kollegen in der Evac-Niederlassung in Shanghai/China.



Herr Al-Faray, Sie haben als Teamleiter mit EVAC-Mitarbeitern bereits an mehreren interkulturellen Trainings teilgenommen. Was waren die Gründe?

Nadim Al-Faray: Wir arbeiten seit 2007 im Bereich Vertrieb und Service eng mit Partnern in Shanghai zusammen, dort haben wir eine Niederlassung. Weil es unterschiedliche Arbeitsmentalitäten gibt, wollten wir die Zusammenarbeit optimieren. So reagieren die chinesischen Ingenieure oft sehr schnell, während die deutschen Ingenieure erst mal Fakten sammeln und ein perfektes Produkt liefern wollen. Für die Chinesen steht jedoch die schnelle Befriedigung der Kundenwünsche im Vordergrund. Der Kunde fordert schnelle Liefertermine und äußert Änderungswünsche. In Deutschland wird erstmal nach den Zuständigkeiten gefragt. Als wir mit den interkulturellen Trainings begannen, ging es uns darum, Mittelwerte zu finden. Ich habe dafür früh ein Team in Wedel definiert, das anschließend mit dem Team in Shanghai zusammenarbeitete.  

Welche Erfahrungen haben Sie bei dem Training gemacht und wovon konnten Sie und Ihre Mitarbeiter profitieren?   

Nadim Al-Faray: Obwohl ich selber schon viele Jahre mit Chinesen zusammen gearbeitet hatte, konnte ich viel lernen. Für meine Kollegen war es völlig neu und deshalb noch wichtiger. Es war zum Beispiel lehrreich für uns, die Unterschiede in den Bildungssystemen von China und Deutschland kennen zulernen. In China lernt man durch Wiederholung.

Hat das Konsequenzen im Alltag?

Nadim Al-Faray: Das hat für die Arbeit Konsequenzen. Denn auch dort muss man vieles wiederholen, bei Absprachen zum Beispiel. Sehr wichtig ist, dass im chinesischen Bildungssystem eher Einzelkämpfer ausgebildet werden und keine Teamplayer. Schon an der Uni werden die Eliten gefördert und später auch in den Firmen. Rollenspiele haben uns im Training einen intensiven Eindruck vermittelt, was es bedeutet, neue Rollen in Teams zu definieren. Gute Teambildung und die Definition von Kommunikationswegen ist also extrem wichtig. Dazu gehört auch, dass Schnittstellen und Aufgaben klar definiert werden. Sonst telefoniert man ständig über das gleiche Thema und verliert dabei viel Zeit.

Was war für Sie eine wichtigste Erkenntnis, die Sie bei Trainings und Workshops gewonnen haben?  

Nadim Al-Faray: Dass die Chinesen in ihrem Kommunikationsverhalten Kreise aufbauen. Im Unternehmen sprechen sie immer mit den gleichen Personen. Sie melden sich bei demjenigen, dem sie vertrauen – und nicht bei ihren eigentlichen Ansprechpartnern. Am liebsten haben die Chinesen nur einen Ansprechpartner, der dann anschließend mit dem eigentlich zuständigen Teammitglied spricht.

Ist Praxis beim interkulturellen Training wichtiger als Theorie?

Nadim Al-Faray: Theorie und Praxis bei interkulturellen Trainings sind wichtig, wobei wir hier der Praxis noch mehr Priorität zukommen lassen. Aber die Rollenspiele sind unerlässlich. Manches kann man im Internet oder über Bücher erfahren. Aber die Rollenspiele, die gute Trainer den Teilnehmern anbieten, sind eine unbezahlbare Basis für die anschließende Praxis.

Wo liegen die besonderen Herausforderungen bei der Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern?  

Nadim Al-Faray: Man muss die Kultur Chinas verstehen. Und man muss verstehen, wie wichtig dort die Kundenwünsche genommen werden. In China ist der Kunde wirklich der König! Man braucht deshalb viel Geduld! Wenn man gerade eine E-Mail bekommen hat, klingelt anschließend noch das Telefon. Dadurch wollen die Chinesen die Priorität ihres Problems anzeigen. Wichtig ist, die Situation des Kollegen gegenüber seinem Kunden zu verstehen, man muss die Schnittstellen mit den besten Leuten besetzten. Sonst wird man dort nicht akzeptiert. Das betrifft vor allem die Fragen nach technischen Lösungen. Ist man nicht schnell genug, suchen sie ihre eigenen Lösungen.

Sie haben auch Erfahrungen mit der arabischen, französischen, amerikanischen und chinesischen Businesskultur. Wovon könnten deutsche Manager lernen?

Nadim Al-Faray: Sie können von allen Kulturen lernen! Ganz besonders müssen deutsche Manager erkennen, dass man sich auf jedes Land und die dort lebenden Menschen und ihre Mentalität einstellen muss – und nicht umgekehrt!  

Was ist für Sie typisch deutsch?

Nadim Al-Faray:  Die Deutschen arbeiten ordentlich und genau. Allerdings sind sie manchmal zu ernst (lach). In Deutschland gibt es eine starke Trennung von Privatleben und Beruf. In Deutschland kann ich in einem Meeting einen Konflikt mit einem anderen Ingenieur haben, aber anschließend verstehen wir uns in einem Restaurant auf der privaten Ebene wieder bestens. Das finde ich sehr angenehm! In Asien geht das nicht.

Was könnte in Deutschland besser werden?

Nadim Al-Faray: Der Kundenservice! Wenn jemand hier ein Geschäft gründen würde, das chinesischen Kundenservice bietet, hätte es gute Chancen. Hier ist die Reaktionszeit sehr lange. Statt Verständnis für Kundenprobleme zu haben, heißt es oft: „Das ist nicht unsere Schuld!“ Oder: „Mein Kollege hat gerade Urlaub!“ Daran haben sich die Menschen in Deutschland gewöhnt. Aber so könnte man in vielen anderen Ländern keine Geschäfte machen.

Gibt es Gemeinsamkeiten, die alle guten Manager auf der Welt vereint?  

Nadim Al-Faray: Mittlerweile gibt es weltweit eine jüngere Generation von Managern, die sich sehr intensiv um das Wohlbefinden der Teams kümmern. Das gefällt mir!

Haben Sie durch Ihre irakische Herkunft Vorteile bei der Zusammenarbeit mit chinesischen Kollegen und Geschäftspartnern?

Nadim Al-Faray:  Ja, das ist ein großer Vorteil für mich. Denn der Irak liegt auch in Asien, manches in der Arbeitsmentalität ähnelt sich. Meine Kollegen freuen sich, dass ich so gut mit den chinesischen Kollegen kommunizieren kann.

Wodurch zeigt sich die Internationalität an Ihrem Arbeitsplatz?

Nadim Al-Faray: Wir duzen uns alle, hier bestimmt eine „Offene-Tür“- Philosophie die Arbeitsatmosphäre, ich kann jederzeit zu meinem Chef gehen. Dieses lockere Arbeitsklima ist eine sehr gute Voraussetzung für das internationale Geschäft.

Evac ist Weltmarktführer bei von sanitären Komponenten und Systemen für Schienenfahrzeuge. Muss man als Ingenieur bei der Konstruktion von Toiletten ländertypische Unterschiede beachten?

Nadim Al-Faray: Wir nehmen Anpassungen vor. Das betrifft aber nicht die Maße, die sind internationaler Standard. Aber es gibt unterschiedliche farbliche Anforderungen an WC-Deckel. In Deutschland sind sie meistens weiß und grau. In Asien gibt es ganz andere Anforderungen, dort können sie auch Lilafarben sein. In Deutschland gibt es Edelstahlbeschichtungen, das ist hier Standard. In Asien sind  die Oberflächenbeschichtungen der Toiletten aus Teflon, die Asiaten legen mehr Wert auf optische Komponenten.




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